Veränderte Suchtformen, neue Herausforderungen und ein stärkerer Fokus auf Selbstfürsorge: Die bundesweite Schulung für ehrenamtliche Suchthilfelots*innen wurde grundlegend überarbeitet und erstmals in Berlin erfolgreich durchgeführt.

Die Suchthilfelandschaft befindet sich seit Jahren im Wandel. Neue psychoaktive Substanzen, veränderte Konsummuster und zunehmend komplexe Problemlagen stellen nicht nur die professionelle Suchthilfe, sondern auch die ehrenamtliche Sucht-Selbsthilfe vor neue Herausforderungen. Um diesen Entwicklungen gerecht zu werden, wurde das bewährte Schulungsprogramm für Suchthilfelots*innen aktualisiert und an die heutigen Anforderungen angepasst.
Bewährte Grundlagen weiterentwickeln
Mit der Gründung des Lotsennetzwerkes Thüringen im Jahr 2008 wurde der Grundstein für die strukturierte Schulung ehrenamtlicher Suchthilfelots*innen gelegt. In den darauffolgenden Jahren entstand auf Basis praktischer Erfahrungen ein Schulungskonzept, das gemeinsam mit der Suchthilfestiftung Heidelberg und dem Fachverband Drogen- und Suchthilfe e. V. (fdr) weiterentwickelt wurde. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden unter dem Titel „Leitfaden für Lotsennetzwerke der SuchtSelbstHilfe“ zur Verfügung gestellt.
Dieses Konzept bildete über viele Jahre eine wichtige Grundlage für die Qualifizierung von Lots*innen. Doch die Anforderungen an ihre ehrenamtliche Tätigkeit haben sich inzwischen deutlich verändert.
Sucht im Wandel der Zeit
Wie stark sich die Suchtsituation gewandelt hat, zeigte auch der diesjährige Fachtag des Lotsennetzwerkes Berlin unter dem Titel „Sucht im Wandel der Zeit“. In Fachseminaren mit Vertreter*innen des Landeskriminalamtes (LKA) und der Suchthilfe wurde deutlich, wie vielfältig und dynamisch sich die heutige Drogenszene entwickelt.
Insbesondere die zunehmende Verbreitung neuer psychoaktiver Substanzen stellt Betroffene, Angehörige und Helfende vor besondere Herausforderungen. Damit wachsen auch die Anforderungen an die Menschen, die Betroffene auf ihrem Weg in die Suchthilfe und Sucht-Selbsthilfe begleiten.
Für die Lotsennetzwerke bedeutet dies, bestehende Kenntnisse regelmäßig zu überprüfen, neue Entwicklungen aufzugreifen und die ehrenamtlich Tätigen entsprechend vorzubereiten.
Gemeinsam ein neues Schulungskonzept entwickelt
Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, die bisherige Lotsenschulung zu überarbeiten und inhaltlich zu erweitern.
In enger Zusammenarbeit entwickelten Daniel Georgi, Koordinator des Berliner Lotsennetzwerkes, Nadine Basler, Suchthilfelotsin und Genesungsbegleiterin, sowie Günter Wittek, Koordinator der bundesweiten Lotsennetzwerke, ein aktualisiertes Schulungsprogramm.
Dabei ging es nicht darum, bewährte Inhalte zu ersetzen, sondern diese gezielt zu ergänzen und den heutigen Anforderungen anzupassen. Neben den grundlegenden Aufgaben der Lots*innen rückten insbesondere die persönliche Haltung, die Kommunikation mit Betroffenen, die Grenzen ehrenamtlicher Begleitung und die eigene Selbstfürsorge stärker in den Mittelpunkt.
Denn wer andere Menschen in schwierigen Lebenssituationen begleitet, muss auch auf die eigene psychische und persönliche Stabilität achten.
Erfolgreicher Auftakt in Berlin
Im September wurde die überarbeitete Lotsenschulung erstmals in Berlin erfolgreich durchgeführt. Innerhalb von sechs Stunden erhielten die Teilnehmenden eine praxisorientierte Einführung in die wichtigsten Grundlagen der ehrenamtlichen Lotsentätigkeit.
Im Mittelpunkt standen die Rolle und die Aufgaben der Suchthilfelots*innen, der wertschätzende Umgang mit Betroffenen, Möglichkeiten einer gelingenden Kommunikation sowie die praktische Umsetzung der Lotsenarbeit.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf dem Thema Selbstfürsorge. Dabei wurde deutlich, wie wichtig es ist, eigene Belastungsgrenzen zu erkennen, Verantwortung bewusst wahrzunehmen und sich vor Überforderung zu schützen.
Schließlich bedeutet Lotsenarbeit nicht, sämtliche Probleme eines hilfesuchenden Menschen selbst lösen zu müssen. Vielmehr geht es darum, Orientierung zu geben, Vertrauen aufzubauen, Wege in geeignete Hilfsangebote aufzuzeigen und Menschen ein Stück ihres Weges zu begleiten.
Schulung als Grundlage – Erfahrung durch die Praxis
Die neue Schulung vermittelt wesentliche Kenntnisse und Handlungsmöglichkeiten für den Einstieg in die ehrenamtliche Tätigkeit als Suchthilfelots*in. Sie schafft Sicherheit im Umgang mit Betroffenen und stärkt das Bewusstsein für die eigene Rolle und Verantwortung.
Gleichzeitig kann eine sechsstündige Schulung nicht auf jede Situation vorbereiten, die in der täglichen Lotsenarbeit auftreten kann. Deshalb bleibt die praktische Begleitung durch erfahrene Lots*innen ein wichtiger Bestandteil der Qualifizierung. Im gemeinsamen Austausch und durch eigene Erfahrungen werden die erworbenen Grundlagen vertieft und weiterentwickelt.
Das Ziel bleibt unverändert: Menschen mit Suchterfahrungen auf Augenhöhe zu begegnen, ihnen Orientierung und Unterstützung anzubieten und dabei die eigenen Grenzen nicht aus dem Blick zu verlieren.
Schulungsunterlagen bundesweit verfügbar
Mit dem überarbeiteten Schulungskonzept steht den Lotsennetzwerken bundesweit eine aktualisierte Grundlage zur Qualifizierung ehrenamtlicher Suchthilfelots*innen zur Verfügung. Es verbindet bewährte Erfahrungen mit neuen fachlichen Anforderungen und stärkt zugleich den Gedanken der Selbstfürsorge.
Die Unterlagen zur neuen bundesweiten Lotsenschulung können über „Lotsen-Aktuell“ beim Koordinator der bundesweiten Lotsennetzwerke, Günter Wittek, angefordert werden.
Günter Wittek
Koordinator der bundesweiten Lotsennetzwerke
