Gedanken einer Lotsin

Ich befinde mich auf der Entgiftungsstation der Klinik. Es war der Wunsch von Dir, mit einer Lotsin zu sprechen. Du sagtest in dem Vorgespräch, dass Du es allein nicht schaffst, vom Alkohol wegzukommen. 

Nachdem ich Dich telefonisch erreicht habe, haben wir recht schnell einen Termin gefunden, an welchem wir uns treffen können. Nun sitzen wir auf der Terrasse, die Sonne geht langsam unter. Ich sehe auf meinen Lieblingsbaum – die Sonne spendet schönes Licht und lässt spektakuläre Schatten von seinen Ästen tanzen. Du bist leicht angespannt, spielst an Deinen Fingern. Ich möchte Dir gern Deine Nervosität nehmen; aber vielleicht ist es nicht das Schlechteste, wenn etwas Adrenalin ausgeschüttet wird. Das zeigt, dass Dir das alles nicht egal ist; dass Dir Dein Leben wichtig ist. Ich lächele Dich an und stelle mich vor. 

Ich sage Dir, wer ich bin, wie ich heiße, wie alt ich bin und wie ich lebe. Ich erzähle Dir auch, was ich beruflich mache und dass ich Deine Unruhe verstehen kann. Denn ich bin einen ähnlichen Weg gegangen. Du hörst mir aufmerksam zu und Deine Anspannung legt sich. 

Nadine

Du erzählst mir von Dir. Du bist Anfang 30 und hast drei Kinder. Du bist verheiratet und gehst im Moment nicht arbeiten. Deine Kinder sind noch sehr jung; Überforderung ist ein Thema, vielleicht auch das Fehlen des inneren Friedens. Um runterzukommen, sagst Du, hättest Du viel zu oft zur Flasche gegriffen. Trocken bleiben – das wäre schön. Ich nicke zustimmend. Ja, Du hast recht. Das ist eine Entscheidung – eine sehr gute Entscheidung. Ich frage Dich, ob Du nach der Entgiftung zu eine Langzeit-Reha fahren möchtest. Du schüttelst den Kopf und antwortest, dass das nicht ginge, da Du die Kinder nicht allein lassen kannst. Total verständlich. Es gibt noch diverse andere Möglichkeiten, um standfest zu bleiben – zum Beispiel die Caritas. Als Lösung für Menschen, die eine ambulante Therapie antreten wollen. Auch für Menschen, die arbeiten gehen müssen. Ich erzähle Dir, dass ich diese Therapie gemacht habe. Du schaust runter, zuckst mit den Schultern und sagst: ja, vielleicht. 

Ich frage Dich, was Du Dir wünschen würdest, wie ich Dir denn helfen könnte. Du schaust mich traurig an und fragst nach dem „Knopf“, der alles wieder gut macht. Ich sage Dir, dass dieser „Knopf“ Du selbst bist. Von allein und von außen geht es nicht. Aber wir könnten versuchen, einen „ihn“ zu aktivieren, ich könnte für Dich da sein. Vielleicht in Form für Dich eine passende Selbsthilfegruppe zu suchen, denn Du bist nicht allein. 

Wieder zuckst Du traurig die Schultern – „ich kann mir nicht vorstellen, nie wieder zu trinken“. Wir bringen das Gespräch zu Ende – Du meldest Dich, sagst Du.

Ich habe leider nie wieder von Dir gehört. Wahrscheinlich war es noch nicht an der Zeit, vielleicht brauchst Du mehrere Anläufe. Aber eines solltest Du wissen: Du bist nicht allein! Wenn Du Hilfe brauchst, sind wir nach wie vor für Dich da!

Nadine