Aufbau eines Lotsennetzwerkes

Mein Name ist Günter, ich bin Mitbegründer des Lotsennetzwerkes Berlin im Haus Phönix. Kurz zu mir: Ich habe eine über 30-Jährige „Suchtkariere“ hinter mir und nach vielen Jahren in einer Selbsthilfe-Institution diese im Jahr 2015 verlassen. 

Es gibt immer wieder Ehemalige, die aus einer Art Dankbarkeit gegenüber dem eigenen Schicksal das Bedürfnis haben, ihr Wissen und ihre Erfahrung mit dem Nüchtern werden und leben an „aktive Süchtige“, die aus ihrer Sucht heraus wollen, weiter zu geben. Auch als eine Art Dankbarkeit für den eigenen positiven Schicksalsverlauf. Nicht an die vielen Süchtigen, die es brauchen, aber an die, die es wollen.

Die wichtigste persönliche Voraussetzung für die Gründung eines Lotsennetzwerkes ist es, selbst betroffen zu sein, also authentisch – die Sucht, den Entzug, die Therapie und die Selbsthilfegruppe oder wie auch immer, selbst gelebt zu haben.

Und natürlich gehört auch ausreichend Erfahrung im nüchternen Leben dazu. Der regelmäßige Besuch einer Selbsthilfegruppe sollte dabei selbstverständlich sein.

Bei mir brachte es der Zufall mit sich, dass ich am richtigen Tag und im richtigen Moment an die Tür vom Berliner Haus Phönix klopfte, auf der Suche nach einer Tätigkeit. Dort saßen Klaus-Dieter Ambord, der Gründer vom Haus Phönix, Ralph-Dieter Wilk von der Suchthilfestiftung in Heidelberg und Klaus Großer, Mitarbeiter vom Haus Phönix zusammen und berieten, wie und mit wem man ein Lotsennetzwerk in Berlin aufbauen könnte. 

Irgendjemand hat mich im richtigen Moment dort hingeführt. Nachdem ich zugehört und mir die Konzeption, die bereits vorhanden war, durchgelesen hatte, war es klar – das ist mein Ding. Mit meinen saloppen Worten “da steht doch Günter drauf“, war es entschieden – ich war der Koordinator für das Projekt! Konzeption und Erfahrungen waren vorhanden, da es ja in Brandenburg und in Thüringen bereits Lotsennetzwerke gab. Beides musste nur noch auf die Berliner Verhältnisse angepasst werden. 

Danach ging es los. Klaus Großer hatte die Aufgabe sich um die Anträge für eine finanzielle Grundlage zu kümmern. Es wurden von ihm Anträge bei Krankenkassen, der Justiz sowie bei der Rentenversicherungsanstalt zur Förderung für den Aufbau des Lotsennetzwerkes gestellt. Ich habe mich um den Aufbau des Lotsennetzwerkes bemüht. Wir hatten den großen Vorteil, in der Metropole Berlin etwas aufzubauen. Hier gibt es allein 21 Entgiftungsstationen in den dazugehörigen Krankenhäusern. Mit einigen bestand Kontakt über das Haus Phönix, das eine Unterkunft für obdachlose Menschen mit Suchthintergrund ist, also auch Betroffene direkt aus den Entgiftungen oder Therapie-Einrichtungen aufnimmt. 

Ich habe mir über das Internet die Website des jeweiligen Krankenhauses aufgerufen und dem dortigen Sozialarbeiter*innen aufgerufen und ein Anschreiben verfasst um uns und unsere Arbeit vorzustellen. Als Anhang wurde die Mail mit unserem Flyer versehen. Es ging darum einen Termin zu erhalten um unser Lotsenprojekt in den Krankenhäusern vorzustellen. Wir stießen fast überall auf Wohlwollen. Offensichtlich schlossen mit unserem Lotsennetzwerk ja auch die bestehende Lücke zwischen Entgiftung und Therapie, indem wir die noch unterstützungsbedürftigen Betroffenen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen begleiten (z.B. Jobcenter, soziale Wohnhilfe, Schuldnerberatung etc.). Das Heranführen an eine Selbsthilfegruppe ist natürlich selbstverständlich.

Am Beispiel der Krankenhäuser waren uns zunächst nicht alle Sozialarbeiter wohlgesonnen, aber kein Problem. Dann wurde der jeweilige Chefarzt der Station angeschrieben. So kamen wir in der Regel voran. Was äußerst wichtig war, ist der persönliche Kontakt zu den jeweiligen Ärzten*innen, Psycholog*innen und vor allem den Sozialarbeiter*innen. So hatten wir nach einem Jahr bereits 10 Kliniken, in denen von unseren Lotsen im 14-tägigen Ablauf Vorstellungen durchgeführt wurden. Die Vorstellung läuft im Kreis der Betroffenen Patienten in den jeweiligen Entgiftungen ab und sollte, wenn möglich, durch das leitende Personal der Entgiftungsstation als verpflichtend in den Therapieplan als ein Hilfe-Sofort-Angebot aufgenommen werden. 

Über die bestehenden Selbsthilfegruppen konnten wir nach und nach weitere ehrenamtliche Lotsen mit Erfahrung im „Nüchtern Leben“ gewinnen. So konnten wir auch beginnen, uns bei Suchtberatungsstellen und übrigen Institutionen bekannt zu machen. Am besten ging es immer mit persönlichen Terminen. So begannen wir, unser Netzwerk aufbauen.

Liebe Freunde, man benötigt schon eine Menge Energie und Geduld beim Aufbau eines Lotsennetzwerkes. Aber wenn man selbst für die Sache „brennt“ und immer am Ball bleibt, kann es durchaus funktionieren. Man muss halt auch bereit sein, Rückschläge und Absagen zu verarbeiten. Wenn man jedoch einigermaßen redegewandt und überzeugend sein Projekt vorstellt und Aufgeben keine Option ist, wird es nach und nach immer besser funktionieren und es stellt sich Erfolg ein.

Einfach machen!

Günter Wittek

Günter Wittek, Chefredakteur